 |



(Vro) 1. Juni 2006
Frauen finden: Jetzt schlägt´s 13
Darmstädter Arbeitsgruppe gegen Zwangsprostitution klärt über Tabuthema immer freitags während der Fussball-WM in der City auf
 |
Mit diesem Bild wirbt die Initiative "Stoppt Zwangsprostitution" um Aufmerksamkeit.
Foto: Internet |
Fußballweltmeisterschaft 2006: Freude und Spaß überwiegen. Im Abseits steht das Thema Zwangsprostitution, obwohl der Frauenhandel gerade jetzt „boomt“. Die Darmstädter Arbeitsgruppe „Gegen Zwangsprostitution“ will vom 9. Juni bis zum 7. Juli jeden Freitag von 16:30 Uhr bis 18:30 Uhr an einem Stand in der Innenstadt auf das Thema aufmerksam machen. Auch Dezernentin Daniela Wagner wird an einem der Freitage „rote Karten“ verteilen:
Initiiert hat die Darmstädter Arbeitsgemeinschaft eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der katholischen Kirche. Gegründet haben die Arbeitsgruppe die Beauftragte der katholischen Kirche für Frauen in Darmstadt, Gisela Franzel, die Gleichstellungsbeauftragte im evangelischen Dekanat Darmstadt-Stadt, Carmen Prasse und das Frauenbüro der Wissenschaftsstadt Darmstadt, vertreten durch Sabine Fietzke, Öffentlichkeitsarbeit. Sie alle wollen die öffentlichkeitswirksame Seite der WM nutzen und das Tabuthema aufgreifen. Dabei wollen die Veranstalterinnen keine mahnenden oder moralischen Zeigefinger erheben, wie sie sagen. Ihre Ziele sind praktischer Art: Sie wollen Männer und Freier und natürlich auch Frauen für das Thema Zwangsprostitution/Frauenhandel sensibilisieren, Informationen darüber zur Verfügung stellen und Hintergründe und Zusammenhänge darstellen. Zudem über sichere Merkmale für Zwangsprostitution aufklären sowie Hilfsangebote und helfende Organisationen benennen.
Unterstützt werden sie dabei von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus Darmstadt und Umgebung, aus Kirche, Sport und Politik: Für den 16. Juni hat bereits Ralf-Reiner Klatt, Sportberater der Stadt Darmstadt, sein Kommen zugesagt. Ebenso vor Ort ist an diesem Termin Barbara Akdeniz, Leiterin des Darmstädter Frauenbüros. Auch Daniela Wagner, Darmstädter Stadträtin wird an einem der Freitage „rote Karten“ verteilen.
Wer möchte, kann an einem Schweigekreis teilnehmen, der immer freitags ab 17 Uhr stattfindet. Ein Gongschlag signalisiert: „Jetzt schlägt’s 13“. Das Schweigen wird unterbrochen und kurze Statements bzw. Fragestellungen verlesen.
Am 23. und 30. Juni reisen Vertreterinnen zweier Vereine zur Unterstützung an den Darmstädter Infostand, die sich seit Jahren mit den Auswirkungen der Zwangsprostitution auseinandersetzen: FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht und SOLWODI, Solidarität mit Frauen in Not. Aktuell hat FIM den Blick auf die Männer gerichtet und seit 15. Mai eine Hotline, nur von Männern besetzt, eingerichtet. Hier erhalten Männer anonym Beratung und können melden, wenn ihnen eine Zwangsprostituierte aufgefallen ist.
„Ich habe vielen Männern gesagt, dass ich hier nicht freiwillig bin. Die glaubten mir nicht. Sie haben Angst bekommen und sind weggegangen“, so das Opfer Marina aus Russland. FIM bringt es auf den Punkt: „Männer tragen Verantwortung, Männer können helfen, Männer haben die Wahl.“
SOLWODI wiederum wendet sich in erster Linie an die betroffenen Frauen – auch in deren Muttersprache. Der Verein hat noch bis zum 31. Juli für junge Frauen und Mädchen, die in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden, eine Hotline geschaltet. Der Notruf ist kostenlos.
Wie die Arbeitsgruppe weiter mitteilt, findet Zwangsprostitution weniger in einschlägigen Etablissements statt. Deren Betreiber wissen, dass manche Großrazzia erfolgen könnte und lassen sich auf keine Schwierigkeiten ein. Zwangsprostitution findet häufig in Wohngebieten statt. Umso wichtiger ist es, den Blick dafür zu schärfen.
Im Rahmen der Informationsnachmittage wird am Dienstag, 4. Juli, der mehrfach ausgezeichnete Film „Lilja 4-ever“ im Offenen Haus, Evangelisches Forum für Darmstadt, Rheinstraße 31, gezeigt. Damit den Zuschauerinnen und Zuschauern anschließend noch Zeit bleibt für ein gemeinsames Gespräch, beginnt die fast zweistündige Filmvorführung um 19:30 Uhr. Das schwedische Sozialdrama „Lilja 4-ever“ ist die Geschichte der 16-jährigen Lilja, die mit falschen Versprechungen nach Schweden kommt. Dort wird ihr der Ausweis abgenommen, sie in eine Wohnung gesperrt, aus der ein unbekannter Mann sie nur abholt, wenn Kundschaft wartet. Der Film, der in den Anfangsszenen bewusst dokumentarisch wirkt, orientiert sich an der Geschichte der 16-jährigen Litauerin Danguole Rasalaite, die sich im Januar 2000 mit einem Sprung von einer Autobahnbrücke in Malmö das Leben nahm, nachdem sie monatelang zur Prostitution gezwungen wurde. Die Altersfreigabe variiert. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist der Film in Deutschland zwar ab zwölf Jahren freigegeben – aber er ist keinesfalls leicht zu verdauen.
Weiter teilt die Arbeitsgruppe wichtige Telefonnummern "fürs Adressbuch im Handy" mit:
Hotline für Männer: 0180 2006 110
Hotline für Frauen: 08 000 111 777
Weiter Informationen gibt es im Internet unter
www.stoppt-zwangsprostitution.de
www.fim-frauenrecht.de
www.solwodi.de
www.frauenrat.de
www.evangelische-frauen.de
www.frauenbuero.darmstadt.de
|