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(FRE) 24. Januar 2006
Bentlin schließt "Bücherland"
„Im März ist definitiv Schluss“ /17 Jahre ein Mekka für grafische Literatur und fantastische Bildbände / Dirk Bentlin will aber spezialisierten Online-Handel fortsetzen
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Schließt nach 17 Jahren seine Pforten: Bentlins Bücherland - Fachladen für ComicArt und fantastische Bildbände.
Foto: da facto (FRE) |
Selbst im bundesweiten Vergleich muss man einen Laden dieser Art mit der Lupe suchen: Mit seiner Mischung aus Foto, Grafik, Design, ComicArt und Fantastischen Bildbänden war Bentlins „Bücherland“ bis heute ein Unikum. Was 1989, vor 17 Jahren begann und besonders in den 1990ern für Furore sorgte, geht nun, Ende März 2006, unwiderruflich zu Ende. Trotz seiner versteckten Lage hinterm Pali-Kino in der Schleiermacherstraße 2 galt Dirk Bentlins Shop der anderen Art unter Kennern und Genießern lange Zeit als echter Geheimtip.
Der Laden gilt in Darmstadt und weit darüber hinaus als Institution: Wer gehobene, anspruchsvolle Autorencomics vom Feinsten sucht, Werke von Künstlern wie Enki Bilal, Regis Loisel oder Milo Manara, von Miguelanxo Prado ("Der tägliche Wahn") oder Will Eisner war und ist bei Dirk Bentlins „Bücherland“ an der richtigen Adresse. „Ich bin ein sehr visueller Mensch“, erklärt Dirk Bentlin seinen unmittelbaren Antrieb, mit dem er auf einigen Umwegen zu seiner Berufung fand.
Jetzt hat die massive Internet-Konkurrenz von Billiganbietern wie Ebay Bentlins Lebenswerk den Garaus gemacht: „Aber niemand soll sich zu früh freuen“, erzählt Dirk Bentlin kämpferisch im DA FACTO-Gespräch. So wird der 51jährige gelernte Ökonom nun verstärkt auf Internet-Projekte setzen und seine hervorragende Comicversand-Homepage www.bentlin.de weiterbetreiben.
Wer in seinen, aber feinen, komplett selbst ausgebauten Laden kommt, ist
überrascht, welch breite Vielfalt sich hier bietet: Von Plakaten bis
Design-Bänden, dem neuesten „Peter Pan„-Band von Loisel bis den erotischen
Erwachsenencomics des italienischen Altmeisters Milo Manara („Guiseppe Bergmann - Das große Abenteuer“) – kaum ein Titel, der bei Bentlin im Sortiment fehlt. Und das, obwohl oder gerade weil er eine qualitätsbewusste Auswahl trifft. Es war das medial-kulturelle
„Cross-over„ – die Mischung aus Grafik, Kunst und Comic, die Bentlin
faszinierten. So hätten reine Grafik-Kunden bei ihm rasch zum „guten Comic„
(Bentlin) gefunden – Bilal („Alexander Nikopol“), den Leonardo der
europäischen ComicArt, Moebius alias Jean Giraud („Sternenwanderer“) oder
Francois Schuiten („Das Fieber des Stadtplaners", „Der Turm“) gefunden.
In den 1990er Jahren, als die Comic- und Cartoon-Szene mit Namen wie Manfred
Deix (gnadenlose Karikaturen), Ralf König („Schwul-Comix“) und Walter Moers
(„Das Kleine Arschloch“) noch reüssierte, gaben sich in Bentlins Bücherland denn
auch namhafte Größen die Klinke in die Hand oder waren mit eigenen
Ausstellungen im Darmstädter Laden vertreten: Dazu gehörten Stars wie Horst
Haitzinger, Peter Gaymann (Paarprobleme) und der erst kürzlich verstorbene
Bannerträger der Neuen Frankfurter (Cartoon-)-Schule, F. K. Waechter
(„Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein"). Ob „Brigitte„-Zeichner Marunde
oder der US-Altmeister Will Eisner („The Spirit“, „Ein Vertrag mit Gott“) –
immer verstand es Bentlin seine Linie anspruchsvoller grafischer Literatur
zu präsentieren. Von Eisner stammt auch der Vorschlag, den unpassenden
Begriff „Comic„ durch „Graphic Novel" (Bilderroman, Bildererzählung) zu
ersetzen.
„Für mich ist so jemand wie Milo Manara mit seinem Comicroman ‚Indianischer
Sommer‘ das Synonym für ComicArt, so eine Art ‚Lederstrumpf‘ der
Comicliteratur„, so Dirk Bentlin im Interview. Allen, die Vorurteile gegen
den Comic hegten, gebe er dann die Bände direkt in die Hand. „Die lassen
sich dann schnell eines Besseren belehren, wenn sie die tollen Zeichnungen
und Geschichten sehen.“
Sein Internet-Versand ist im übrigen nicht nur Marktplatz zum Kauf von gehobener Comic-Ware oder visuellen Bildbänden der fantastischen Art, sondern auch eine reichhaltige Fundgrube, ein Archiv für Comicologen zum Nachschlagen allemal, reich bebildert, teilweise so, „dass man in den Comics virtuell blättern kann“, so Bentlin nicht ohne Stolz.
Ehe Bentlin sein „Bücherland“ ins Leben rief, schlug er sich in den 1980er
Jahren in diversen Jobs durchs Leben – vom Strandfotografen bis zum
Steuerbüro-Mitarbeiter war vieles dabei. Doch dann habe er, Ende der 1980er,
seine Nische gefunden, einen Laden für illustrierte Bücher, Kunst und
Kultur. Bentlin wörtlich: „Damals noch eine kulturelle Lücke in der
Kunststadt Darmstadt.“
„Mit nichts, nur der Idee" (Bentlin) habe er den Laden aufgebaut, ohne
Kapital und Mäzene, „hier ist alles handgemacht." Schnell avancierte
„Bentlins Bücherland“, heute auch als „Art & Books“ bekannt, zum Darmstädter
Kultladen.
Wenn Bentlin allerdings über Billiganbieter und durchtriebene Comicdealer spricht, die sich nicht an die Buchpreisbindung halten, kann er sich richtig in Rage reden. Nach dem Boom in den 1900er Jahren sind die Umsätze in den letzten Jahren laut Aussage des Darmstädter Buchhändlers drastisch eingebrochen. Sowohl „Billigheimer“ als auch Ramschanbieter, die mit Neuware aus Containern handelten, seien dafür die Ursache, so Bentlin. 2004 gewann der Darmstädter Buchhändler sogar einen spannenden Medienprozess gegen einen Berliner Journalisten. Der hatte
„palettenweise nagelneue Bücher zu Ramschpreisen in Internet-Auktionen
verschoben.“ Mit diesem Prozess ermöglichte Bentlin die Preisbindung auch im
Internet. Gleichwohl zeigt er sich ob des weit verbreiteten „Geiz ist
geil„-Schnäppchen-Denkens ein Stück weit ernüchtert. „Der Luxus eines
urbanen Nischen-Sortiments mit Warenpräsentation und Fachhandels-Service
zahlt sich nicht mehr aus“, so Bentlin. Und Ambitionen in Richtung
Massenware hat der Darmstädter Buchhändler keine. Kein Zweifel auch, Bentlin ist nicht gerade ein Freund der japanischen Massen-Comics, der sogenannten Mangas, die derzeit bei Jungs und vor allem Mädchen und jungen Frauen en vogue sind.
Das 20jährige Jubiläum – 2009 – hat Dirk Bentlin nicht ganz geschafft. Wohl aber hat er mit seinem originellen Buchladen Darmstädter Lokalgeschichte geschrieben. Nachdem zuvor schon Michael Schardts „Tutti Booki“ dicht gemacht hat, gibt es in Darmstadt nur noch einen Comic-Fachladen in der Rheinstraße. Bentlins Bücherland reißt aber wegen seines Qualitätsanspruchs eine Lücke, die kaum zu schließen sein wird. Freunde grafischen Erzählens können sich aber
trösten: Bentlins Internet-Versand geht weiter.
Weitere Infos im Internet unter:
www.bentlin.de
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Schwört auf grafische Literatur à la Bilal, Manara und Schuiten: Darmstädter Buchhändler Dirk Bentlin.
Foto: da facto (FRE)
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Eine versteckte Nische für Comic Art und Bildbände: "Bentlins Bücherland" hinterm Pali-Kino in der Schleiermacherstraße 2.
Foto: da facto (FRE)
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